Das erste T-Shirt habe ich im Internet gebastelt - Bericht im Beobachter über WILLIAM

Soll ich Mode machen oder nicht? Eines Tages war der Wunsch stärker als die Zweifel. Da sagte ich mir: Wenn ich es jetzt nicht tue, dann werde ich mir das mein Leben lang vorwerfen. Also bastelte ich mir im Internet ein T-Shirt zusammen. Als ich es schliesslich in den Händen hielt, war ich enttäuscht. Die Qualität war nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Okay, also machte ich es von Grund auf selber.

Dafür musste ich lernen, wie viel Baumwolle gebraucht wird, wie man sie webt und färbt. Ich bin ja nicht Textilfachmann, sondern Betriebsökonom. Nebenbei trainiere ich die Junioren des FC Schaffhausen. Die ersten Shirts waren in Schwarz oder Weiss, dichter gewoben und damit auch etwas schwerer. Wenn man sie in die Sonne hält, scheint nichts durch. Ich verkaufe meine Mode übers Internet. Schade, dass man dort den Stoff nicht anfassen kann. Farbig sind erst die neusten Kreationen: in Apricot, Lavendel, Mint und Pink.

Die Krone für das Logo fand ich cool, ich habe sie vom schwedischen Hockeyteam abgeguckt. Die Spieler tragen drei Kronen auf dem Trikot. Das grosse W für William gefiel mir einfach, es hat etwas Königliches. Daher William by Batali. Aber egal, was du trägst: Bleib, wie du bist. Und steh dazu.

Das Wahrzeichen als Sujet. Auf dem ersten T-Shirt war der Munot abgebildet. Die Tante meiner Freundin hat in Schaffhausen einen Kleiderladen und rüstet die Moderatoren des Lokalfernsehens aus. Eines Abends sah ich mir die Nachrichten an und dachte: Das kommt mir bekannt vor! Die Moderatorin trug unter der Jacke mein T-Shirt mit dem Munot. Pro Design lasse ich 200 Stück fertigen. Das ist nicht viel für die Familienfirma in Portugal, die sie näht, vermutlich ein Verlustgeschäft. Ich muss hinter der Produktion stehen können und wissen, dass weder die Leute noch die Umwelt darunter leiden.

Geboren und aufgewachsen bin ich in Stein am Rhein. Meine Eltern kamen aus Togo in die Schweiz, mein Vater arbeitete in einem Labor. 2007 ging meine Mutter mit ihrem zweiten Mann, einem Italiener, nach Togo zurück. Kaum hatten sie sich in ihrem Haus in der Stadt Kpalimé eingerichtet, klopfte eine Nonne an die Tür. Sie trug ein Baby auf dem Arm. Die Mutter war bei der Geburt gestorben. Ein Nachbar hatte das Wimmern ihres Kindes gehört. Selbstverständlich nahm meine Mutter das Baby auf. Sie nannte es Condoleezza.

20 Prozent für Waisenkinder. Inzwischen leben 18 Kinder im Haus, die meisten sind Waisen im Alter von 2 bis 16 Jahren. Aber es sind auch zwei Brüder dabei, deren Eltern so arm sind, dass sie und die Kinder hungern mussten. Ein Verein in Stein am Rhein unterstützt das Waisenhaus wie auch die öffentliche Schule daneben. Und von jedem Kleidungsstück, das ich verkaufe, gehen 20 Prozent nach Togo. Im Januar 2020 waren mein älterer Sohn, mein Göttibub und ich in Kpalimé, für einen Überraschungsbesuch. Ich ging ins Haus und suchte meine Mutter, die Jungs mischten sich sofort unter die anderen Kinder und spielten Fussball. Obwohl sie so wenig Togolesisch sprechen wie ich. Etwa jedes fünfte Wort verstehe ich, den Rest reime ich mir zusammen. Fussball verbindet.

Es war eindrücklich, all die Kinder zu sehen, die nicht so viel haben wie unsere und doch fröhlich und glücklich sind. Wichtig sind Essen, Kleidung, Schule. Egal, ob die Kinder in Kpalimé die alten Juniorentrikots des FC Schaffhausen tragen und mit den alten Bällen des FC Seuzach spielen. Nach einer Woche wollten mein Sohn und mein Göttibub gar nicht mehr weg. Es sind die kleinen Dinge, derentwegen sich das Leben lohnt. Man kann sehr viel erreichen, wenn man zusammenhält. «Egal, was du trägst: Bleib, wie du bist. Und steh dazu.» Francis Batali, 38, Streetwear-Designer FRANCIS BATALI aus Schaffhausen ist Betriebsökonom und Fussballtrainer. Daneben designt er königliche Mode – auch für einen guten Zweck. «Das erste T-Shirt habe ich im Internet gebastelt» 

AUFGEZEICHNET VON RENÉ AMMANN FOTO: HANNA JARAY

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